(Modul 1 – Sozialpädagogische Fachlichkeit)
Thema: Elternarbeit & Herkunftsfamilienkontakt
→ Loyalitätskonflikte, strukturierte Besuchsbegleitung, Elternkooperation.
Lara ist 12 Jahre alt und lebt seit knapp einem Jahr in einer heilpädagogischen Wohngruppe. Sie wurde nach einer Inobhutnahme untergebracht, weil die Mutter nach einem psychischen Zusammenbruch stationär behandelt werden musste. Der Vater ist unbekannt. Lara lebte zuvor ausschließlich bei der Mutter, die sie als „ihren Halt“ bezeichnete.
In der Einrichtung zeigt Lara sich anfangs ruhig, angepasst und hilfsbereit. Sie übernimmt Verantwortung, hilft beim Tischdecken und sucht Nähe zu Erwachsenen. Nach den ersten Wochen wird deutlich, dass Lara innerlich stark zwischen ihrer neuen Lebenswelt und der Loyalität zur Mutter zerrissen ist. Sie ruft ihre Mutter täglich an und fragt: „Wann darf ich wieder nach Hause?“
Der erste begleitete Besuch verläuft emotional: Lara freut sich, kippt aber nach kurzer Zeit in Überforderung. Nach der Rückkehr in die Gruppe zieht sie sich zurück, weint nachts und verweigert am nächsten Tag die Schule: „Ich bleib bei Mama.“
Das Team ringt um die richtige Balance zwischen Kontaktförderung und Schutz. Einerseits ist der Erhalt der Mutter-Kind-Beziehung wichtig, andererseits destabilisiert jeder Kontakt Lara stark. Die Mutter wiederum zeigt ambivalentes Verhalten – einerseits liebevoll, andererseits überfordert. Sie ruft spontan in der Einrichtung an, macht Vorwürfe („Ihr haltet mir mein Kind fern!“) und will ohne Absprache Besuche erzwingen.
Das Team entscheidet, gemeinsam mit dem Jugendamt und der Mutter einen strukturierten Herkunftskontaktplan zu entwickeln:
- feste Besuchstermine, begleitet durch eine Fachkraft,
- klare Vor- und Nachbereitungsgespräche mit Lara,
- Telefonate nur an bestimmten Tagen, um emotionale Überforderung zu vermeiden.
In den Gesprächen mit der Mutter wird Elternarbeit als partnerschaftlicher, aber professioneller Prozess gestaltet: Verständnis zeigen, Grenzen setzen, Beteiligung ermöglichen – ohne Rollentausch.
Nach mehreren Monaten verbessert sich die Situation. Lara kann nach Besuchen besser loslassen, die Mutter zeigt mehr Stabilität. Dennoch bleibt das Spannungsfeld bestehen: Wer trägt die Verantwortung für Laras emotionale Regulation – die Mutter, das Team oder beide gemeinsam?
Pädagogische Leitfrage:
Wie kann Elternarbeit in der stationären Jugendhilfe gelingen, wenn Herkunftsfamilien ambivalent sind – und wie kann das Kind dabei vor Loyalitätskonflikten geschützt werden?
Bezug zum Curriculum:
- Handlungskompetenz: Strukturierte Gestaltung und Reflexion von Herkunftskontakten.
- Beteiligung und Teilhabe: Einbindung des Kindes in Kontaktplanung und Nachbereitung.
- Sozialpädagogische Fachlichkeit: Haltung zwischen Kooperation und Abgrenzung, systemische Perspektive.
- Recht: § 36 SGB VIII (Hilfeplanverfahren), § 37 SGB VIII (Zusammenarbeit mit Eltern), Schutzauftrag (§ 8a SGB VIII).
- Methoden: Herkunftskontaktplanung, systemische Elternarbeit, Nachgespräche mit Kindern, Loyalitätsarbeit, Netzwerkarbeit mit Jugendamt.