(Modul 4 – Methodische Fähigkeiten)
Thema: Methodische Fähigkeiten – Motivational Interviewing (MI) in der Verselbständigung (§ 41 SGB VIII)
Deniz lebt seit einem Jahr in einer Verselbständigungsgruppe. Er hat eine Einstiegsqualifizierung im Handwerk begonnen, fehlt aber unregelmäßig, öffnet amtliche Briefe nicht und sammelt Mahnungen. Auf klassische Ermahnungen reagiert er abwehrend: „Euer Gerede bringt mir keinen Job.“ Die Fachkräfte entscheiden, konsequent MI-Elemente einzusetzen: Ambivalenz würdigen, Change Talk fördern, Widerstand nicht konfrontieren.
Im ersten Setting verzichtet die Bezugsfachkraft bewusst auf Ratschläge. Statt „Du musst“ fragt sie: „Was spricht dafür, immer auszuschlafen – und was spricht dagegen?“ Deniz antwortet: „Dafür: Kein Stress. Dagegen: Ärger mit Chef.“ Der ambivalente Nutzen-Schaden-Abgleich wird sichtbar, ohne moralischen Zeigefinger. Die Fachkraft spiegelt („Du willst Stress vermeiden, merkst aber, dass’s dich langfristig mehr kostet“) und verankert Eigenargumente („Du hast selbst gesagt, Ärger gefährdet die EQ“).
Als nächstes wird mit Skalierungsfragen gearbeitet: „Auf einer Skala 0–10 – wie wichtig ist dir, die EQ zu halten?“ Deniz: „Acht.“ – „Warum nicht fünf?“ Er nennt eigene Gründe (Anerkennung, Geld, Vorbild für jüngeren Bruder). Statt externe Motive aufzuzwingen, werden interne Motive verstärkt.
Für die Umsetzung wird ein Verhaltensvertrag vereinbart, der von Deniz formuliert wird: „Ich stelle den Wecker zwei Mal, lege Arbeitskleidung abends hin, schicke im Zweifel vor 7 Uhr eine SMS an die Fachkraft, wenn ich zu spät komme.“ Die Rolle der Fachkraft: unterstützen, nicht kontrollieren. Nach zwei Wochen fällt Deniz wieder aus. Im Nachgespräch bleibt der Stil kollaborativ: kein „Warum hast du nicht?“, sondern „Was hat dich diesmal aus dem Plan geworfen – und was hat trotzdem funktioniert?“ Deniz identifiziert den Auslöser (spätes Zocken), schlägt selbst eine Anpassung vor (WLAN-Timer).
Parallel wird das Thema Briefe angegangen. Statt „Du musst Post öffnen“ wird ein Ritual entwickelt: Montags 18:00 „Brief-Bar“ mit Musik, eine Kiste, in der die Schreiben liegen; Deniz liest, die Fachkraft protokolliert seine Entscheidungen. Nach drei Terminen sagt Deniz: „Eigentlich ist das nicht so schlimm.“ Der Mahnlauf kann abgewendet werden.
Im Hilfeplangespräch nach § 41 SGB VIII präsentiert Deniz in eigenen Worten Fortschritte und Stolpersteine. Er benennt Ziele (pünktliche EQ, zwei beantragte Zuschüsse, ein Ausweichplan bei Verschlafen). Die MI-Haltung – partnerschaftlich, autonomiestützend – zeigt Wirkung: Deniz erlebt Selbstwirksamkeit statt pädagogischer Fremdsteuerung.
Nach drei Monaten liegen Fehlzeiten im tolerierten Rahmen, Rechnungen sind geordnet, ein Kontoalarm verhindert Überziehungen. Deniz formuliert selbstbewusst: „Ich will das durchziehen, damit ich ausziehen kann – aber so, dass es meins bleibt.“ Das Team hält den Kurs: Feedback, Verstärkung von Change Talk, respektvolle Ehrlichkeit, keine Drohkulisse.
Pädagogische Leitfrage:
Wie lässt sich MI im Alltag der Verselbständigung nutzen, um Verantwortung ohne moralischen Druck zu fördern?
Bezug zum Curriculum:
- Handlungskompetenz: MI, Ziel- und Umsetzungsplanung
- Beteiligung & Teilhabe: Eigenverträge, selbst formulierte Ziele
- Sozialpädagogische Fachlichkeit: Autonomie- und Ressourcenorientierung
- Recht: § 41, § 36 SGB VIII
- Methoden: Skalierungsfragen, Change Talk, Verhaltensverträge, Ritualisierung